
Georg Malin
1926 in Mauren, Liechtenstein
Disentiser-Würfel (auch Andreaskreuz-Würfel)
1984 – 1986
Bronze
Objektmass: 150 x 150 x 150 cm
Ed. 2/2, Guss 1988
LSK 1994.28
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Schenkung der Fürstlichen Regierung, Vaduz
Diese Buchstabenwürfel haben für mich eine besondere Bedeutung […]. Schon immer habe ich allgemeine Elemente und letzte Einheiten untersucht und hinterfragt. Und da Schrift für mich die grossartigste Erfindung der Menschheit ist, befasse ich mich mit den Elementen der Schrift – den Buchstaben. Es ist faszinierend, wie (in der deutschen Sprache) mit 26 Zeichen alles
festgehalten werden kann, was auf der Welt geschieht, was der Mensch fühlt und was er denkt.8
Georg Malin
Der Disentiser-Würfel (1984–1986) markiert den Beginn der seit 1980 konzipierten Serie der Buchstabenwürfel von Georg Malin. Entworfen wurde diese Arbeit als Auftragswerk für das Kloster Disentis. Dieser Ort ist für Malin biografisch von besonderer Bedeutung, da er selbst dort zur Schule ging und sich ihm auch
später eng verbunden fühlte.
Nach intensiver Recherche sowie zahlreichen Vorstudien und Modellen wurde der Würfel in Bronze gegossen. Er misst 150 × 150 × 150 cm. Die fünf sichtbaren Seitenflächen sind von einer reliefartigen, fast porösen Patina überzogen. Vertiefte und hervortretende Flächen – darunter dreieckige Formen – deuten zwei sich kreuzende Diagonalen an und zitieren so das Hauszeichen des Klosters: ein silbernes Diagonalkreuz
auf rotem Grund, das seit dem späten Mittelalter belegt ist und auch als Andreaskreuz bezeichnet wird.
Der erste Guss von 1987 befindet sich im Hof des Klosters in einem kreisrunden Wasserbecken, in dem sich der Himmel spiegelt. Ein zweiter Guss (1988) gelangte als Schenkung der Regierung des Fürstentums Liechtenstein in die Sammlung des Kunstmuseums und steht heute bei der Burg Gutenberg in Balzers. Das Andreaskreuz ist auch ein architektonisches Element und findet etwa im Fachwerk der Burg eine formale
Entsprechung. In dieser Werkreihe der Buchstabenwürfel untersucht der geschulte Historiker und Philosoph Malin einerseits den Buchstaben als Träger von Bedeutung, Erinnerung und Ursprung (vgl. Johannesevangelium «Im Anfang war das Wort»). Andererseits rückt die naturphilosophische Dimension der Würfelform in den Vordergrund.
Der Würfel basiert auf der quadratischen Grundform, die Malin als urzeitliches «Weltsymbol»9 versteht: als Sinnbild der materiellen Welt und der Erde, während die Kreisform für die seelische, immaterielle Welt steht. Mit seinen vier gleich langen Seiten verweist das Quadrat – als Grundform des Hexaeders – auf die Zahl Vier, die sogenannte «Weltzahl», die in Malins Werk immer wieder erscheint. Ihr entsprechen etwa die vier klassischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Bereits Platon ordnete in seinen kosmologischen Schriften dem Würfel das Element Erde zu – eine Zuordnung, die Malin mit der Wahl des Materials Bronze
bewusst aufgreift.
Auch in der modernen Wissenschaft wirkt die Vier fort: in der Biologie etwa durch die vier Basen der DNA, die den genetischen Code bilden, oder in der Physik durch die vier fundamentalen Kräfte des Universums. Zahlen sind für Malin jedoch nicht nur Träger symbolischer Bedeutung, sondern zugleich Speichermedien der Welt. Er bezeichnet sie als «Gedächtnis der Welt»10. In der digitalen Gegenwart zeigt sich dieses Verständnis exemplarisch im binären Code aus 0 und 1, der jeder Computertechnologie zugrunde liegt und über den sich sämtliche Informationen digital speichern und verarbeiten lassen.
Leslie Ospelt
8
Interview mit Georg Malin, «Durch Kunst gebe ich Signale»,
in: Liechtensteiner Vaterland, 22. Mai 1995, S. 5.
9
S. Billeter (wie Anm. 4), S.21.
10
Ebd.